Veröffentlicht von Wiebke Köhler am Mi., 25. Mär. 2020 07:00 Uhr

Gedankensplitter zu Losung und Lehrtext am 25. März

 

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht!, und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts!

Jesaja 29,16  

Alle miteinander bekleidet euch mit Demut.

1. Petrus, 5,5  

Am Freitag ruft uns Papst Franziskus auf, sich ihm im Vaterunser um 12 Uhr mittags anzuschließen. Das ist eine gute ökumenische Initiative, die uns weltweit verbinden wird. Für unsere Kirchengemeinde haben wir auf der Website eine kleine Andacht zur Verfügung gestellt, die man am frühen Abend beim 18Uhr-Läuten „zusammen allein in Einbeck“ feiern kann. Die katholischen Gemeinden in Deutschland läuten zum Gebet um 21 Uhr. Das ist jetzt eine Erfahrung, die wir mit den christlichen Generationen vor uns teilen, dass es nämlich hilfreich ist, den Tag durch Gebetsmomente zu strukturieren. Im Gesangbuch finden sich Luthers Morgen- und Abendsegen, Tischgebete und Gebete zur Nacht. Das alles hilft gegen die Sorge und Angst, mit denen wir nun ja schon ganz routiniert umgehen und die uns trotzdem zu schaffen machen.  

Was mir aber Sorge bereitet, sind Überlegungen von religiöser, nicht nur christlicher Seite. Es gibt die erstaunlichsten Mutmaßungen, was für eine Rolle Gott in dieser weltweiten Epidemie spielt. Da sind Priester, die sagen, dass die Hostie den Corona-Virus bei der Kommunion verbrennt. Es gibt riesige evangelikale Kirchen in Brasilien und auch in einigen afrikanischen Staaten, die weiterhin Gottesdienste mit vielen Hundert Teilnehmenden feiern. Die Gefahren der Ansteckung werden von den Geistlichen geleugnet, mit dem Argument, dass Gott seine Gläubigen davor bewahren wird, dass sie Opfer der Krankheit werden. Dahinter stehen aber handfeste wirtschaftliche Interessen. Die Spendensummen dieser Gemeinden sind außergewöhnlich hoch und fließen auf ungeklärten Wegen in die Taschen der Geistlichen.  

Auch die Vorstellung, dass Gott dieser Welt eine Prüfung auferlegt und die Gläubigen einer Glaubensbewährung ausliefert, finde ich sehr schwierig. Es gibt klare naturwissenschaftliche Erkenntnisse über diese Krise. Wie sie ausgebrochen ist und warum sie sich so schnell und gefährlich verbreitet und was man dagegen tun muss.  

Deshalb empfinde ich die Losung von heute als sehr hilfreich: Wir sollen Gott nicht unsere Interessen oder unsere Ängste unterstellen. Wir sollen mit unserem Gottesbild keine Manipulationen betreiben, indem wir ihn uns so vorstellen, wie es uns praktischerweise oder aus Machtinteressen nützt. Natürlich können wir nicht anders, als uns Gott vorzustellen. Wir müssen uns immer wieder neu ein Bild von ihm machen. Denn wir sind Geschöpfe, aber er ist der Schöpfer.  

Was Demut heißt, kann man an diesem Dilemma lernen. Gott ist göttlicher, als wir ihn überhaupt erfassen können. Aber er will bei uns sein. So sehr, dass er in Jesus Christus menschlicher wird, als wir es je sein könnten. An unserem Bruder Jesus aus Nazareth können wir sehen, wie Gott uns Menschen versteht. Und Jesus hat gesagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Darauf können wir vertrauen.  

 

Ihre Wiebke Köhler


Kategorien Gottesdienst